Donnerstag, 8. Januar 2015

sonstiges: Je suis Charlie

sonstiges:
Je suis Charlie 
Die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", die im Jahr 1970 erstmals erschien und dafür bekannt ist, dass sie zum einen eine verquere Meinung vertritt und sich zum anderen stets für die Presse- und Meinungsfreiheit einsetzt, wurde am gestrigen Tage Opfer eines Terroranschlages. Nach einer elfjährigen Pause von 1981 bis 1992, wurde die Zeitschrift "Charlie Hebdo" bis heute ohne weitere Unterbrechung veröffentlicht. Bereits 2011 gab es einen Brandanschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift, nachdem zuvor ein Sonderheft über die Scharīʿa publiziert worden war. Bei diesem Anschlag am 2. November 2011 wurde lediglich das Gebäude in Mitleidenschaft gezogen, jedoch glücklicherweise niemand verletzt. Parallel zu diesem Brandanschlag war die Homepage der Zeitschrift gehackt und für mehrere Stunden verändert worden. 
Im Jahr 2012 wurden wiederum Mohammedkarikaturen veröffentlicht, wie auch am 2. Januar 2013 eine gezeichnete Biografie mit dem Namen "La Vie De Mahomet" (Das Leben von Mohammed). 
Beim Anschlag gestern, über den bisher noch nichts genaues gesagt werden kann, wurden 12 Menschen ermordet, zwei Polizisten und zehn Mitarbeiter von "Charlie Hebdo", darunter die beiden Zeichner Georges Wolinski (1934-2015) und Charb (Stéphane Charbonnier, 1967-2015), deren Namen in Frankreich jeder kannte. Ein Nachruf von der FAZ erschien, ist hier zu finden. Aber auch andere Zeichner und Redakteure mussten ihr Leben bei dieser Untat lassen, unter ihnen Cabu (Jean Cabut, 1938-2015), Honoré (Philippe Honoré, 1941-2015), Tignous (Bernard Verlhac, 1957-2015), Onkel Bernard (Bernard Maris, 1946-2015). 
Matthias Gerung Satire auf den Ablasshandel [2] (etwa 1536).

Thomas Wright "John Bull Taking A Luncheon."(1868).
Um es mit Kurt Tucholskys (1890 - 1935) Text "Was darf die Satire", den er unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Berliner Tageblatt Nr. 36 (27.01.1919) veröffentlichte, zu sagen: "Was darf die Satire? Alles."
Denn, "[d]ie Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten." 
Sie "beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist" und wird dies auch weiterhin tun, weiterhin tun müssen, denn erst Kritik offenbart, was nicht unbedingt optimal ist, was weiter hinterfragt, was mitunter geändert werden muss. 
Auch wenn allmählich die relativierenden Stimmen wieder lauter werden, die meinen, dass man doch nicht derart direkt provozieren müsse und man sich über manche Themen auch nicht lustig machen dürfe, muss die unmittelbare Antwort weiterhin lauten: "Doch! Genau dies." Erst an dem was karikiert, was satirisch verballhornt werden kann, ist die potentielle Freiheit des Einzelnen in einem System erkennbar. Die einzelne Darstellung muss nicht jedem Individuum gefallen, aber Satire und Karikatur dürfen deshalb keinesfalls als Ganzes in Frage gestellt werden, denn sie sind die Narrenfreiheit der modernen Gesellschaft, nicht mehr und nicht weniger.

Unter dem Ausruf "Je suis Charlie" drücken seit dem Anschlag am gestrigen Tage Menschen - und auch dieser Blog - ihre Unterstützung für die Satire, die Zeitschrift "Charlie Hebdo", ihre Trauer um die Getöteten und ihr Beileid und Mitgefühl für die Angehörigen und Freunde aus. 
 

Einige gezeichnete Antworten von Karikaturisten sind bei Tagesschau.de einsehbar. 

Die Antwort von "Charlie Hebdo" am 08. Januar 2015 auf ihrer Homepage, war die Ankündigung einer Ausgabe am Mittwoch, dem 14. Januar, unter dem Titel "LE JOURNAL DES SURVIVANTS" (Das Magazin der Überlebenden/Hinterbliebenen). Darüber hinaus ist auf der Internetseite des Satiremagazins eine gezeichnete Hand zu sehen, die empor gereckte ist und einen Bleistift in der gebalten Faust hält, und die Aussage zu lesen: "JE SUIS CHARLIE - PARCE QUE LE CRAYON SERA TOUJOURS AU DESSUS DE LA BARBARIE... - PARCE QUE LA LIBERTÉ EST UN DROIT UNIVERSEL...  PARCE QUE VOUS NOUS SOUTENEZ..." (Ich bin Charlie - weil der Bleistift sich immer über die Barbarei erheben wird - weil die Freiheit ein universelles Recht ist - weil ihr uns unterstützt). 


Der nächste reguläre Blogeintrag erscheint am 13. Januar.

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Die in disem Beitrag verwendeten gemeinfrei Bilder entstammen: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG oder flickr-Profil der "British Library". Die übrigen Bilder sind der Homepage von "Charlie Hebdo" entnommen. 

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Zwei Artikel der taz, die die Ambivalenz im Umgang mit diesem Attentat deutlich machen, sind hier noch verlinkt:  
Kommentar „Je suis Charlie Hebdo“ - Jede Menge falsche Freunde
und 
„Charlie“-Karikaturen in den USA - Bei Gott hört der Spaß auf 

 
Eine Ergänzung zu diesem Blogeintrag vom 12. Januar 2015 um 18:10. 
Bei der Recherche für einen anderen Beitrag, der vermutlich Ende März oder Anfang April erscheinen wird, sind wir auf drei christliche Karikaturen gestoßen, deren historischer Kontext bei ihrer Betrachtung zu berücksichtigen ist.


1. Thomas Rowlandsons "Der glückliche Pfarrer" entstanden etwa um 1800.

 



2. William Heaths "Beim Verlassen der Kirche" ungefähr im Jahre 1828 entstanden.




3. Félicien Rops' "Die heilige Theresa als Philosophinoder Religiöse Berufung" entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.



Kommentare:

  1. Seit dem 11. Januar um etwa 23 Uhr ist ein Aktion französischer und "frankophoner Zeichner gegen die Vereinnahmung [der Attentate bei 'Charlie Hebdo'] durch Pegida" angelaufen. Karikaturen, die sich gegen die Instrumentalisierung dieses Vorfalls richten sind über Facebook einzusehen: https://www.facebook.com/pages/Karikaturisten-gegen-Pegida-Caricaturistes-unis-contre-Pegida/847889605276042?sk=timeline&ref=page_internal

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  2. Zur Freiheit der Kunst bei uns:
    http://www.stern.de/panorama/anzeige-wegen-blasphemie-kassel-streitet-ueber-jesus-karikatur-1883354.html
    und
    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/jesus-karikatur-haderer-zu-sechs-monaten-haft-verurteilt-a-337758.html

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  3. Neues über die "Charlie Hebdo":
    http://www.tagesschau.de/ausland/frankreich-charlie-hebdo-101.html

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  4. "Zapp - Das Medienmagazin" strahle am 14. Januar ein äußerst aufschlussreiches Interview mit einer Redakteurin von "Charlie Hebdo" aus, in welchem sie klar benennt, in was für einer Situation das Magazin vormals gewesen war und dass sich alle an "Charlie Hebdo"-Beteiligten darüber im Klaren waren, dass etwas passieren konnte.
    http://www.ardmediathek.de/tv/Zapp/Charlie-Hebdo-Redakteurin-im-Interview/NDR-Fernsehen/Video?documentId=25852544&bcastId=3714742
    Das ganze, sehr bewegende Interview gibt es hier:
    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/ZAPP-Interview-Zineb-Al-Rhazoui,zapp8312.html

    Zudem brachte Zapp einen sehenswerten Bericht über die Postionierung der deutschen Satire und dem Verhältnis zu Meinungsfreiheit. http://www.ardmediathek.de/tv/Zapp/Meinungsfreiheit-Das-Dilemma-deutscher-/NDR-Fernsehen/Video?documentId=25852518&bcastId=3714742

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  5. http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/daenemark-terroranschlag-in-kopenhagen-100.html
    Ein Beitrag aus der ARD-Sendung Weltspiegel vom 15.02.2015 anlässlich des Attentats in Dänemark.

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  6. Ein Bericht von "Zapp - Das Medienmagazin" schildert, wie sich - zwei Monate nachdem Anschlag auf die Radaktion von Charlie Hebdo - die überlebenden Autoren und Zeichner mit ihrer neuen Situation zu recht finden.
    Link: http://www.ardmediathek.de/tv/Zapp/Paris-Wie-geht-s-weiter-bei-Charlie-He/NDR-Fernsehen/Video?documentId=27150366&bcastId=3714742

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  7. Nachdem Charbs letzter Essay nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, waren "Charlie Hebdo", Charb und die überlebenden Redakteuere wieder in den deutschen Medien präsent.
    Worum es in diesem Text Charbs geht fasst Alex Rühle in der "Süddeutschen Zeitung" (Nr. 168 vom 24. Juli auf S.9) mit folgenden Worten zusammen:
    "Der Kern von Charbs Argumentation: Nicht wir sind Rassisten, wenn wir Islamisten Zeichnen. Ihr seid es, wenn ihr uns deshalt Islamophobie vorwerft. Schließlich beinhaltet euer Vorwurf, wir würden uns mit unseren Zeichnungen gegen alle Muslime richten. Davon kann keine Rede sein, immer geht es uns in den Karikaturen um den Fundamentalismus in seinen verschiedenen Ausformungen. Wenn ihr uns Islamophobie vorwerft, seid ihr es doch, die Terror-Fanatiker mit all den Muslimen gleichsetzt, die hier leben."

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