Dienstag, 18. August 2015

漫画 (Manga): Bestiarium - 2. Dämonen

漫画 (Manga):
Die Funktionen unheimlicher und übernatürlicher Wesen mit japanischem Hintergrund
am Beispiel des Dämons
Was hier über Dämonen festgestellt werden wird, gilt vermutlich ebenfalls für andere in ihrer Vorstellung in der japanischen Mythologie verwurzelten Wesenheiten. 

"[Monster] sind frei, wild und unberechenbar. Allein durch ihr Aussehen lösen sie starke Gefühle aus: Angst und Furcht, aber auch Neugier und Voyeurismus. Sie faszinieren. Weil es sie überall auf der Welt gibt veranschaulichen sie Gemütslagen und sich ändernde Weltdeutungen." (SZ: Nr.163, S.34) Unter anderem mit diesen Worten beschreibt Hubert Filser in seinem zweiseitigen Artikel "Menschen brauchen Monster" in der Süddeutschen Zeitung übernatürliche Geschöpfe, die der menschlichen Imagination entspringen und ihm hierbei eine Reflexionsfläche für sein Sein und Werden bieten. Diese Reflexion des Eigenen, die es laut dem Artikel von Hubert Filser seit der paläolithischen Kunst - also seit über 30.000 Jahren - gäbe, beinhaltet stets ambivalente und widerstreitende Konnotationen diesen Monstern gegenüber, was sich auch in ihren unterschiedlichen Funktionen wiederspiegelt. Monster waren hierbei auch Erklärungsversuche des nicht Begreifbaren und haben dazu gedient, zu verhandeln, was als menschlich und was als nicht mehr menschlich gesehen wurde. (Gerade in der Bezeichnung "Monster" für einen Menschen findet sich diese Komponente auch noch heutzutage.) 
In diesem Eintrag sollen verschiedenartige Funktionen die unnatürlichen Geschöpfe innerhalb der Kunst zu kommen am Beispiel einzelner Mangas und der Wirkung dieser Wesen auf die jeweilige Narration und auf die Leserinnen und Leser skizziert werden.

Im Gegensatz zum ersten Eintrag dieser Reihe, der sich mit Vampiren befasst hat, beschäftigt sich dieser Blogbeitrag, wie schon an der Überschrift ersichtlich wurde, mit den Funktionen von japanischen Dämon. Hier soll jedoch noch ergänzt werden, dass es nicht immer klare Unterteilungen zwischen den unterschiedlichen Dämonen und ihrer Herkunft gibt, so existieren in manchem Manga nebeneinander Dämonen japanischen, nicht japanischen oder fiktiven Ursprungs, beispielsweise in "Dragon Ball", in "Blood Lad", in "Sandland" etc., was völlig legitim ist, an dieser Stelle soll sich dieser Blogeintrag allerdings nur mit den japanischen Dämonen näher befassen.
"Da Monster gegen die Naturgesetze verstoßen und nicht in unsere Vorstellung vom Tierreich passen, haben wir [Menschen] ständig über ihre physische Gestalt spekuliert. Viele sind zu dem Ergebnis gekommen, es handele sich um eine Art Geister, weder ganz von dieser Welt noch von der jenseitigen. Diese müssen an sich nicht unbedingt monströs sein, aber sie können monströse Gestalten annehmen" (Christopher Dell: Monster, S.124). Gerade die Unterscheidung zwischen Dämon und Geist ist dementsprechend nicht immer eindeutig, was sich auch in der Vielzahl der Wesen wiederspiegelt, die mit dem japanischen Begriff "Yōkai" bezeichnet werden können.   
als Konfrontation  mit einem Gegenüber (Kampf)
Die Gründe können äußerst vielfältig sein, führen allerdings unweigerlich zu einer meist gewaltsamen Konfrontation zwischen den Dämonen und einer anderen Partei, seien es Menschen, andere Dämonen oder auch andere Ungeheuer. 

Die Funktion als zu bekämpfendes Andere erfüllen die meisten in Mangas oder Animes erwähnten Dämonen, so sind unter anderem Werke, in denen gegen japanische Dämonen gekämpft wird "Inu Yasha", "Nura – Herr der Yokai" (Nurarihyon no Mago, ぬらりひょんの孫), "Ga-Rei - Monster in Ketten" oder in Teilen auch "Kamikaze".
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wegen ihrer Fähigkeiten (Kräfte)
Das Dasein als Dämon bringt gewisse Stärken wie auch gewisse Schwächen mit sich. Wegen dieser Fähigkeiten oder mangelnden Fähigkeiten werden die jeweiligen Dämonen zu Figuren innerhalb unterschiedlicher Mangas.  
- Ein Beispiel hierfür wäre der nicht näher benannte japanische Dämon (S.8-12) in Toriyama Akiras (鳥山 明, 1955-) Manga "Sandland", dieser Dämon ist gegen Weihwasser immun und erfüllt hierdurch seine Funktion innerhalb des Narratives oder auch der neun-schwänzige Fuchsdämon Kyūbi in Kishimoto Masashis (岸本 斉史, 1974-) Mangaserie "Naruto", welcher durch ihr Ableben dem Protagonisten dieses Mangas seine besonderen Fähigkeiten verleiht. 
In "Dr. Slump" (u.a. in Band 3, S.4-15) wird ein Fuchs wegen seiner Verwandlungsfähigkeit als Figur verwandt, Fähigkeiten, die in Japan vornehmlich Füchsen und Tanukis zugeschrieben werden. Dieser Fuchs trifft später in "Dr. Slump" (Band 18, S.4-17) auf einen vermeintlichen Mujina (貉 Dachs) und bringt ihm bei seine Gestalt zu wandeln. "Diese Füchse, Kitsune genannt, hatten im Laufe der Zeit die Fähigkeit erworben, aufrecht zu gehen und sich schließlich auch in einen Menschen zu verwandeln; oft erscheinen sie dann als schöne Frau. [...] Andere Geschichten erzählen, wie Füchsen mit zunehmendem Alter immer mehr Schwänze wachsen bis zu neun können es sein" (Christopher Dell: Monster, S.119). 
Kaminari-sama als göttliche Personifikation des Donners kommt in Toriyama Akrias (鳥山 明, 1955-) Kurzgeschichte "Pink the rain jack story" vor und hat durch seine Einkerkerung und anschließende Befreiung und den jeweiligen Effekt auf das Wetter eine die Handlung der beiden Protagonisten beeinflussende Funktion (TSS 2, S.51-54). 
Auch in "Pakt der Yokai" (Natsume Yūjinchō, 夏目友人帳) werden Yokai, gänzlich verschiedener Art mit ihren mannigfaltigen Kräften gezeigt.
als Schmuckelemente (Staffage)
Der Umstand, dass ein Dämon oder eine Dämonin in der Handlung ist, spielt für die Geschichte keine Rolle, da dieser oder diese nur ein unbedeutende Statistenfunktion im Hintergrund hat oder da dieser Dämon zwar für die Handlung wichtig ist, aber der Umstand, dass er ein Dämon ist, keinerlei Rolle für die eigentliche Handlung hat.

In "Dr. Slump" (Band 16, S.52-54) und mehrfach in "Dragon Ball" (z.B. Band 18, S.14-21) werden Yama, der Herr der Unterwelt, und seine untergebenen Dämonen in der Funktion eines pars pro toto für die Verbildlichung des Totenreiches eingesetzt, ihrer dämonische Natur kommt jedoch innerhalb der Handlung keine weitere Bedeutung zu.
In "Shounen Shoujo" (Band 4, S. 182-212) werden Dämonen und ihr Treiben als personifizierte Ursache der Zahnschmerzen einer Figur dargestellt. 
In Toriyamas Manga "JACO - THE GALACTIC PATROLMAN" (TSS5, S.33,35,48,227) wird das Seeungeheuer Umibōzu lediglich mit aus dem Wasser ragender Kopf gezeigt und hat keine Funktion innerhalb der Handlung, außer dass er dort zu sein scheint und vielleicht in der Art seiner mangelnden Erscheinung an Steven Spielbergs (1946-) "Der weiße Hai" (1975) denken lässt, in diesem Fall wirkt der Schatten, der sich im Wasser abzeichnet, allerdings nicht bedrohlich, sondern eher niedlich. Ebenfalls niedlich wirken die lustigen Dämonenkinder mit denen Toriyama in seiner Interpretation in "Dr. Slump" (Band 3, S.128-130) den dreiäugigen, dreizehigen, menschenfressenden Dämon in der Geschichte von Momotarō umdeutet. 
In "Blood Lad" werden zwei Tengus benutzt um eine Kutsche zu ziehen, aber da Tengus fortan - in den nächsten elf, bisher erschienenen Bänden - nicht mehr vorkommen, sind sie mehr ein Schmuckelement für die Schilderungen über die Dämonenwelt, als wegen ihrer Fähigkeiten in dieser Geschichte. 
als verführerisches Gegenüber (Romantik/Erotik)
Romantische Anspielungen und sexuell aufgeladene Konnotation bergen Dämonen dadurch, dass sie zum einen als Verkörperung des Bösen die dunkle Seite der menschlichen Lust plastischer und greifbarer erscheinen lassen, man denke an 
Hieronymus Boschs (um 1450 - 1516) Triptychon "Der Garten der Lüste", oder dass sie zum anderen als unbekannte und unbegreifliche Geschöpfe den Reiz des Fremden besitzen. 
An der Wolfsgöttin Holo und ihrer menschlichen Erscheinung sowie ihrer Beziehung zu Kraft Lawrence in "Spice and Wolf" (Ōkami to Kōshinryō, 狼と香辛料) zeigt sich der zweite Fall. Wie auch das Verhältnis des Fuchsgeistes Tomoe (巴衛) und Nanami in "Kamisama Kiss" (Kamisama Hajimemashita, 神様はじめました), der Fuchsgeist und dessen Beziehung zu Shin in "Bride of the Fox Spirit" sowie der Fuchsdämon Soshi und das Mädchen Ririchiyo Shirakiin im Manga "Secret Service: Maison de Ayakashi" sind ebenso Beispiele für den zweiten Fall.
als skurrile Besonderheit (Humor)
Durch den Bruch der Norm und dem was als Normal gilt, lässt sich durch Dämonen immer auch ein absurd unterhaltsames Anderes in eine sonst nach mehr oder weniger statischen Regeln verlaufende Geschichte bringen. Ihre Besonderheit lässt die Dämonen in diesem Fall im richtigen Kontext wortwörtlich zu Witzfiguren werden. 

Beispiele hierfür sind Kaminari-sama als göttliche Personifikation des Donners in Toriyama Akrias (鳥山 明, 1955-) Mangaserie "Dr. Slump" (Band 2, S.5-16), der von Tarō und Arale veralbert wird, oder der Ogerkönig Gyaska (Band 3, S.109-112), der sich von Senbei, Arale und Gatchan "verarscht"(S.110) fühlt und im Gegensatz zu Gatchan und Arale zwar eine Figur ist, die bedrohliche sein möchte, jedoch völlig ungelenk und kraftlos wirkt. Diese beiden Beispiele sollen hier nur exemplarisch für die verschiedenen japanischen übernatürlichen Wesenheiten genannt werden, die in "Dr. Slump" gleichfalls eine die Handlung ins Komische überführende Funktion erfüllen. 
Erzählt werden in Toriyamas "Neko Majin" die durchaus amüsanten und abwechslungsreichen Abenteuer dreier unterschiedlicher Katzendämonen, von denen der erste die Welt vor einem Dämonen retten muss, der zweite nur auf seinen Vorteil und sein Vergnügen aus ist und deswegen Touristen prellt und letzterer Katzendämon es mit Außerirdischen, einer Entführung und schmackhaftem Backfisch zu tun bekommt.

Durch die hier gezeigten Vielschichtigkeiten ihrer derzeitigen Konnotationen wurden die einst überwiegend bizarren und hierbei Angst aber auch Humor verbreitenden Monster (Vgl. SZ: Nr.163, S.34-35) zunehmend vermenschlicht.
In ihren Bildern und Funktionen innerhalb von Geschichten wurden die Ungeheuer somit gewissermaßen dem Menschen gleich. Im Fall der Dämonen, zumindest in vielen Mangas auf dem deutschsprachigen Markt, scheint das Element der Angst und des Horrors soweit geschwunden zu sein, dass japanische Dämonen ihre Bedrohlichkeit komplett eingebüßt haben. 

Jedoch ist es erstaunlich, wie wenige japanische Dämonen im Vergleich zu westlichen Dämonen in Mangaform auf dem deutschen Markt vorhanden sind, gerade was die verschiedene Yōkai angeht, wie etwa der Kappa, Bakeneko, Oni, Tsuchigumo, Yuki-onna, Yamauba und andere. Dies könnte natürlich daran liegen, dass bevorzugt Titel übersetzt werden, bei denen es nur westliche Dämonen gibt, allerdings genügt der Blick auf die erfolgreichen japanischen Mangaserien (in Japan), um diese Hypothese zu revidieren. 
"Nach dem japanischen Volksglauben ziehen einmal jährlich in einer Sommernacht Monster durch die Straßen. Diese auf Japanisch als 'Hyakki Yako' bezeichnete Prozession war eine gute Gelegenheit für bildende Künstler, wiederzugeben, was immer ihnen die Phantasie eingab - tanzende Katzen, lebendig gewordene Möbelstücke, alle möglichen Gespenster, Dämonen und Teufel, verzerrte Fratzen und Masken - und noch vieles, das jeder Beschreibung spottet" (Christopher Dell: Monster, S.146).
Eben aus diesem Grund, den Christopher Dell hier für japanische Künstler in der Tradition von Toriyama Sekien (鳥山石燕, 1712-1788) und sein Werk "Gazu Hyakki Yagyō" (画図百鬼夜行) beschreibt, verwundert es noch mehr, zeigt aber eben auch gegenwärtige "Gemütslagen und sich ändernde Weltdeutungen".

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Solche Funktionen treten auch in Mangas auf, in denen die Dämonen westlichen Ursprungs sind, hier einige Beispiel des deutschen Mangamarktes:
[Kampf] "Berserk", "Maoyuu Maou Yuusha", "Dragon Ball" (z.B. Band 9, S.100-117, Band 39), "Claymore", "Blue Exorcist", "Bastard!!", "Kamikaze Kaito Jeanne", "Witchblade",  "Fairy Tail", "Buster Keel", "Ab sofort Dämonenkönig!" und "Blood-C"
[Kräfte] "Black Butler" und "Defense Devil
[Staffage] "Beelzebub"
[Romantik/Erotik] "Café Acheron", "HIGHSCHOOL DXD", "Dämonenjunge Lain", "Kiss of Rose Princess", "Devils and Realist" und "Beauty and the Devil
[Horror]
[Humor] "Go!Go!Ackman", "Neko Majin" und "Dr. Slump" (z.B. Band 3, S.80-91, 124-163) 
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Die in diesem Beitrag verwendeten Abbildungen sind entweder gemeinfrei (http://www.zeno.org/, https://www.flickr.com/photos/britishlibrary und https://commons.wikimedia.org/) oder sie entstammen dem Manga "Give My Regards to Black Jack" (ブラックジャックによろしく) von Satō Shūhō (佐藤 秀) und können über dessen Website Manga on Web (漫画onWeb) http://mangaonweb.com/ eingesehen werden.

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