Dienstag, 27. Januar 2015

comicbook: Was tun mit der Allmacht?

comicbook: 
Was tun mit der Allmacht? 
Überlegungen zur Entwicklung der Comichelden
Mit der Schöpfung Supermans, dem ersten "klassischen" amerikanischen Superhelden, wurde aus den vormaligen Helden und Heldinnen Wesen mit übernatürlichen Fähig- und scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. 
Während der Held oder die Heldin zuvor noch eine Person gewesen war, die unter dem Einsatz ihres Lebens große Taten zu vollbringen versuchte und hierbei mitunter über eine besondere Begabung - wie Durchhaltevermögen, Intelligenz oder Kraft - verfügte, wandelte sich dieses Bild beim nun entstandenen Superhelden. Diese neuen Helden, die die vorher geltenden Maximen sprengten und das Menschenmögliche übertrafen, stehen mit ihren sagenhaften Fähigkeiten gewissermaßen in der Tradition der mythologischen Heldengestalten. 
Julius Schnorr von Carolsfeld: "Der Kampf an der Stiege [2]" (1834/35).
Der einstige Held, der außerhalb der fantastischen Vorstellungen über Jahrhunderte hinweg überwiegend der Kriegsheld gewesen war, wurde, auch unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges, nicht mehr als dergestalt heroisch wie dereinst wahrgenommen; stattdessen wurde die Grausam- und Sinnlosigkeit der Schlachten in Europa und selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika, deren Bevölkerung weiter vom Kriegsgeschehen entfernt war, als die Einwohner der europäischen Länder, offensichtlicher und somit wurden auch die Vertreter des kriegerischen Handelns entglorifiziert.  
Félix Vallotton: "Das ist der Krieg: Schützengraben" (1915).
Dieser neue, aus gezeichneten Geschichten entstandene Typus von Kämpfern für das Recht - ob für das Richtige, bleibt zu fragen - zeichneten sich unter dem Vorzeichen Supermans nicht nur durch ihre übernatürlichen Kräfte aus, sondern vielmehr durch ihre fantastische Unbesiegbarkeit aus, die diese Helden als unfehlbar zeichnete.
Am drastischsten wird dieser Umstand wohl am Comic "Captain Marvel" deutlich. Der Protagonist dieser Geschichte ist der Waisenjunge Billy Batson, den der Zauberspruch "Shazam" zu einem ausgewachsenen Mann werden lässt, der über Weisheit, Stärke, Ausdauer, Macht, Mut und Geschwindigkeit verfügt. Das Kunstwort "Shazam", welches ein Zauberer Billy Batson beibringt und ihm diese Kräfte verleiht, vereint die mythologischen Sagengestalten Salomon, Herkules, Atlas, Zeus, Achilles und Merkur, wie deren Fähigkeiten.
Dass das Konzept des Superheld heutzutage überaus beliebt und weitverbreitete ist, ist durch seine Präsenz allenthalben erkennbar. Der deutsch-französische Fernsehsender arte, der sich selbst als Kultursender versteht, strahle mit "H-MAN" eine zehn Folgen umfassende Serie aus, in denen sich ein Superheld (Arthur H) Problemen des Alltags stellen muss. Gegen diese Alltagsprobleme, die stets anthropomorph personifiziert sind, versuchen sich H-MAN und seine Superheldenmitstreiter innerhalb der jweils fünfminütigen Folge zu behaupten. Probleme, mit denen es Arthur H in der Gestalt seines Superhelden Alter Egos tun bekommt, sind unter anderem die Finanzkrise, das Öl und die Abhängigkeit von ihm, sowie die deutsch-französische Energiepolitik.  
Allerdings birgt diese Konzeption eines Superhelden, eines Helden mit unbesiegbaren Kräften, den Nachteil, dass Auseinandersetzungen, an denen dieser Superheld beteiligt ist, sehr berechenbar werden und hierdurch die Spannung der gezeichneten Geschichte leidet, sodass alles, was der Leserschaft übrig bleibt, die Beurteilung der jeweiligen Heldentat und deren Vergleich mit vorherigen Taten ist. Da dies zu keiner interessanten oder abwechslungsreichen Narratologie führt, war Batman, der Superman als Superheld direkt nachfolgte, auch sein genaues Gegenstück. Batman, der keine übernatürlichen Fähigkeiten besitzt, gelingt es stattdessen mittels seines Spürsinns, viel körperlichem Einsatz und teuren technischen Apparaturen erfolgreich seinen Kampf gegen das Verbrechen zu führen. Was wiederum den "einfachen" Menschen in den Mittelpunkt der Comichefte rückte, mit seinen doch durchaus begrenzten Möglichkeiten und Schwächen.
Ein Comic, an dem dies - zumindest an der Hauptfigur - gut ersichtlich ist, ist "Kick-Ass". Der Protagonist dieser Geschichte Mark Millars (1969-) und John Romita juniors (1956-) ist ein gewöhnlicher, weißer, in den U.S.A. lebender Jugendlicher namens Dave Lizewski. Dave, der ein leidenschaftlicher Comicleser ist, beschließt selbst ein Streiter für die Gerechtigkeit zu werden, kauft sich einen grünen Taucheranzug, der ihm als Kostüm dienen soll, und beginnt völlig unbedarft mit seinem Einsatz für seine Überzeugungen. Kick-Ass beginnt mit den Worten: "Seltsam, dass es noch keiner vor mir gemacht hat. Bei diese ganzen Comic-Filmen und -Serien hätte sich doch wenigstens ein verschrobener Spinner mal ein Kostüm basteln müssen. Ist der Alltag wirklich so aufregend? [...] Kommt, seid ehrlich. Irgendwann im Leben wollten wir alle mal Superhelden sein." Diese Aussage wird allerdings mit Bildern unterlegt, die die Torheit dieses Vorhabens und den anschließenden Verlauf dieses Comics mehr als nur erahnen lassen. 
Bereits bei seiner ersten Auseinandersetzung muss Dave jedoch erkennen, dass es weit mehr als nur der richtigen Einstellung und eines Anzuges bedarf, um ein Superheld zu sein; doch er gibt nicht auf. 


Wenn man die Superhelden nicht zu einfachen Menschen werden ließ, brachte man ihnen aber zumindest Verletzungen und Schwächen bei; beispielsweise war Superman mittels des im Jahre 1945 erdachten Kryptonits plötzlich nicht mehr unverwundbar. Doch ging das Normalisieren der Helden und das angleichen in die gesellschaftlichen Strukturen noch viel weiter, so sind beispielsweise auch die eigentlichen Identitäten der jeweiligen Superpresonen, ob Bruce Wayne (Batman), Clark Kent (Superman), Peter Parker (Spiderman) oder Sandra Knight (Phantom Lady) um den Schutz ihrer Person besorgt, sodass sie sich als nicht im Heldenoutfit befindliche Person nicht gegen die Normen und Erwartungen der Gesellschaft stellen wollen und demnach als "Zivilperson" ihre besonderen Befähigungen nicht gebrauchen. Erst das Kostüm verleiht die Narrenfreiheit ein Held respektive ein Superheld zu sein. Ebendieser Sachverhalt wird allein an einer Seite aus der Comicserie "Phantom Lady", deren Handlung sich um eine der ersten weiblichen Superhelden der amerikanischen Comics entspinnt, greifbarer. Phantom Lady kann trotz aller Gefahr und Demütigung, die ihr in dieser Geschichte in der Gestalt von Sandra Knight wiederfährt, erst dann eingreifen und sich und ihren Begleiter aus dieser Situation und vor einem stereotypischen asiatischen Bösewicht retten, als sie sich in Ruhe und ungesehen mit ihrem Heldengewand anonymisieren kann. 
Inwieweit diese Verkleidungen innerhalb dieser gezeichneten Geschichten tatsächlich die eigentliche, nicht heldenhafte Seite dieser Personen unkenntlich machen, soll hier nicht thematisiert werden, schließlich soll der Leser ja stets und zu jeder Zeit seinen Superhelden in beiden Identitäten erkennen können und hierbei bloß nicht irritiert werden. 

Jedoch war bereits Batman als menschlicher Held ohne Superkräfte seinen Gegnern, derart überlegen, dass ihm schon ein Jahr nach seinem erstmaligen erscheinen, 1940, ein Superbösewicht, der Joker, als Pendant gegenüber gestellt wurde. Auf diese Weise wurde die Konzeption dieses Comics solcherart verändert, dass vorher vorherrschende Handlungsmuster aufgebrochen und damit eine neue und weniger vorhersehbare Erzählweise innerhalb der Geschichte und den schwarzen Ritter etabliert werden konnte. 
Um einen wirklichen Wettkampf zwischen "Gut" und "Böse" zu zeigen, der seine Spannung dadurch erhält, dass nicht unbedingt von Beginn an absehbar ist, wer der schließlich Triumphierende ist, wurde in diesem Fall das Gegenüber verstärkt und somit dem Helden angeglichen. Jeder Comicleser weiß natürlich, dass es im Falle Batmans und Supermans keine endgültigen Entscheidungen gibt, aber es gibt Comichefte, in denen tatsächlich triumphierende Parteien vorkommen und die Geschichte endet. 

Eine ausgeglichenere Ausgangssituation war es, die hierauf von den Zeichnern und vor allem von den Textern dieser bebilderten Abenteuer mehr und mehr in den Vordergrund gerückt worden war, was neben dem bereits in diesem Beitrag beschriebenen Veränderungen innerhalb der jeweiligen Comicgeschichten, gleichfalls Superhelden einander gegenüberstellte, was etwa in der Geschichte des Marvel-Verlages "CIVIL WAR" der Fall war. 
© PANINI COMICS

Zudem wurde auch vor der geistigen und physischen Verfasstheit der Superhelden nicht halt gemacht. Die Folge waren äußerst divergente und in dieser Form zuvor noch nicht gekannte Figuren, so handelten die sodann entstanden Geschichten, etwa von einem Nuklearphysiker, der sich bei der geringsten Verstimmung in ein tobendes Monstrum verwandelt (Der unglaubliche Hulk), von einem vergeltungssüchtigen Massenmörder ohne Schuldgefühle (The Punisher), von einem kompromisslosen im Untergrund Kämpfenden, der lediglich das Gräuel der Welt sieht und sonst nichts mehr wahrnehmen kann (Rorschach/Watchmen) oder von einem Nick Knickerbocker. 

© New Worlds Comics

Als vermeintlich einziger Schutz der Erde werden von außerirdischen Mächten dem Menschen Nick Knickerbocker Superkräfte verliehen, problematisch daran ist jedoch, dass Nick ein riesiger Tollpatsch und darüber hinaus auch noch einfältig ist. In "Goof" wird deswegen nicht von Heldentaten erzählt, sondern von Nick Knickerbockers Leben und davon, wie es ihm trotz Superkräften gelingt sich beständig falsch zu verhalten, ob bei der Rettung einer Katze, seiner Familie gegenüber oder in Liebesdingen. "Goof" ist eine Persiflage des klassischen Comichefthelden und stammt von Guy Hasson, Borja Pindado und Guillermo Ramierz. 
Nick Knickerbocker ist ein negativer Gegenentwurf der Figur des "klassischen" Superhelden und bedient somit eine Strömung, die sich über die Allmachtsfantasieen früherer Comichefte lustig macht. 
Erschienen ist dieser Comic im New Worlds Comics-Verlag, bei welchem ebenfalls der Comic "Wynter" herausgegeben worden, der gleichfalls von Guy Hasson und von Aron Elekes geschaffen wurde. Beim Comic "Wynter" hat der Verlag "New Worlds Comics" ein interessantes Konzept erstellt, bei dem man den Comic gratis online lesen und selbst bestimmen kann, ob und wenn ja mit welchen Summen man die Künstler unterstützen will.

Allerdings kann die Geschichte eines Superheldens nur ein bestimmtes Ende nehmen. Die Heldenperson triumphiert schließlich über das Böse und rettet somit sich selbst, eine andere Person, die Welt, das Universum oder was auch immer. Zwar gibt es Zeiten, in denen auch das Böse das Gute - wenn denn eine solche schwarz und weiß Charakterisierung gegeben ist - besiegt, allerdings sind diese Erfolge nur von kurzer Dauer, denn am Schluss kann niemand anderes als der Held oder die Heldin siegreich sein. Als ein Exempel für diese kurzeitige glückliche Fügung für den Schurken, ehe dieser neuerlich scheitert beziehungsweise endgültig, ist der Tod Supermans zu nennen, der jedoch wiederkehren wird, oder der Verlauf des bereits erwähnten Comics "Kick-Ass", in dem es dem Protagonisten mitunter mehr als nur schlecht ergeht. 
Zwar sterben in vielen dieser Geschichten auch Figuren der als gut konzipierten Seite, doch gelingt es den als das Übel dargestellten Figuren nie ihre Vorhaben dergestalt zu verwirklichen, dass beispielsweise die Erde endgültig zerstört wird, dass das Universum implodiert oder sie einfach mit ihren Plänen den gewünschten Erfolg erzielen. Vorkommnise, die logischerweise das Ende dieser Geschichten zur Folge hätten.
In Neil Gaimans (1960-) und Andy Kuberts (1962-) "Marvel 1602" wird dies auf den letzten Seiten mit am greifbarsten, denn das scheinbar unverrückbare Schicksal, auf welches hin der Ausgang dieses Comics geschrieben und gezeichnet ist, wird dort unter der Aufbietung aller nur erdenklichen Möglichkeiten dennoch zu einem versöhnlichen Abschluss, ohne dass etwaige Opfer nötig wären, gebracht.
Um noch einmal auf die bei arte gezeigte Serie "H-MAN" zu verweisen, auch wenn es sich bei ihr nicht um einen Zeichentrickfilm oder gar einen Comic handelt, weil bei ihr wird das Schicksal des zu Sieg verdammten Superhelden verändert wird und es hierdurch nicht mehr diesen letzten rettenden Triumph des Rechts über das Unrecht gibt. Sicherlich dadurch bedingt, dass sich die tatsächlichen Probleme, die hier als die Grundlagen für die jeweilige fiktionale Auseinandersetzungen der Einzelfolgen der Serie dienen, nicht mit einem Fingerzeig lösen lassen, enden diese entsprechenden Folgen immer bevor eine endgültige Entscheidung gefallen ist. "H-Man" ist sowohl über den französischen als auch über den deutschen Yutubekanal von arte zu sehen.
Herbert James Draper: James Mourning for Icarus (1898).

"Seltsam, dass es noch keiner vor mir gemacht hat. Bei diese ganzen Comic-Filmen und -Serien hätte sich doch wenigstens ein verschrobener Spinner mal ein Kostüm basteln müssen." Tatsächlich nehmen, vor allem in den U.S.A., aber auch andernorts, die Zahlen derer, die sich im wirklichen Leben - abseits der Hefte und irgendwelcher Fantreffen - in Superheldenkostüme hüllen, zu. Diese Menschen träumen allerdings keinesfalls von übernatürlichen Kräften oder von glorreichen Heldentaten, sondern sie streiten für eine gerechtere und sozialere Welt.
 

Der nächste reguläre Blogeintrag erscheint am 10. Februar. 

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Die in diesem Beitrag verwendeten gemeinfrei Bilder entstammen: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG, flickr-Profil der "British Library" oder der Seite FuryComics.
Bei den weiteren Abbildungen wurde das Copyright kenntlich gemacht. Sie stammen vom New Worlds Comics- und Panini-Verlag.

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Mit einer ähnlichen Thematik befassen sich unter anderem die Einträge: 
http://pictimundi.blogspot.de/2014/12/comicbook-der-geburtstag-des-dunklen.html
oder
http://pictimundi.blogspot.de/2014/11/anime-die-funktion-fiktionaler-gewalt.html

Dienstag, 13. Januar 2015

アニメ (Anime): Der japanische Zeichentrickfilm

アニメ (Anime): 
Ein grober Überblick über die Geschichte des japanischen Zeichentrickfilms 
Narihira und Nijō von Tsubone am Fujifluss.
Urashima Tarō auf der Schildkröte zurückkehrend.
Ab dem 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lassen sich  japanische Holzschnitte und die damit verbundenen Techniken des Handwerks der Holzschneider nachweisen. Während zuerst religiöse Holzschnittthematiken vorherrschend waren, wandelte sich dieser Umstand ab dem 17. Jahrhundert unter anderem durch die zunehmende Kommerzialisierung dahingehend, dass allmählich mehr weltliche und auf Unterhaltung ausgelegte Darstellungen abgebildet wurden. 
Durch verbesserte Drucktechniken gelang es alsbald nicht mehr nur Schwarzweißdrucke zu fertigen, sondern ebenfalls Farbabbildungen, die sukzessiv komplexer wurden. 
Wie beispielsweise die hier abgebildeten Ukiyo-e-Holzschnitte von Tsukioka Yoshitoshi (月岡 芳年, Taiso Yoshitoshi 大蘇 芳年, 1839-1892). Die Bilder "Narihira und Nijō von Tsubone am Fujifluss" und "Urashima Tarō auf der Schildkröte zurückkehrend" stammen beide aus dem Jahr 1882. 
 
Die japanischen Pinselzeichnungen zeichnen sich im Gegensatz zu den Holzschnitten dadurch aus, dass sie keine Massenware waren. 
Straßenszene.
Die mit Tusche, Farbe oder Tinte gezeichneten Bildnisse waren auch in ihrer Form nicht auf die Druckblatten der Holzschnitte beschränkt und konnten so auch anders eingesetzt werden, wie bei der Pinselzeichnung "Straßenszene" für ein Fächblatt von Utagawa Kuniyoshi (歌川 国芳 1797/1798-1861) zu sehen ist. Holzschnitt und Pinselzeichnung sind aber keinesfalls widerstreitende Kunstrichtungen und -auffassungen, sondern nur unterschiedliche Darstellungsmöglichkeiten, die einem japanischen Künstler dieser Zeit zur Verfügung standen. 
 
Von den anfänglichen Holzschnitten und Pinselzeichnungen bis ins 21. Jahrhundert, den heutigen Mangaka und dem Aufkommen des Films war es aber noch ein weiter Weg und es gab viele Künstler, die ihren Beitrag an diesem Fortgang leisteten.
"Give My Regards to Black Jack" (ブラックジャックによろしく) von Satō Shūhō.
Durch den in Edo geborenen Maler und Holzschneider Katsushika Hokusai ( 葛飾 北斎, 1760-1849) verbreitete sich beispielsweise die Bezeichung "Manga" in Japan. Den nicht von ihm stammenden Begriff benutzte Hokusai für seine Skizzen, die all das abbildeten, was ihm in seinem Leben begegnete, ohne hierbei in seinen Zeichnungen übergeordnete Zusammenhänge zu schaffen oder fortlaufende Geschichten zu erzählen. Daran, dass sich diese Bezeichung durchsetzte konnte, auch wenn nicht in der gleichen Verwendung, ist bereits die Bedeutung zu erkennen, die Hokusai zu kommt.  
 Illustrationen aus den "Manga"-Skizzen von Hokusai.
Im 20. Jahrhundert trug vor allem Tezuka Osamu (手塚 治虫, 1928-1989) mit seinen Werken zu Veränderungen in der Erzählweise von Manga und Anime bei. Die von ihm geschaffenen Mangaserien "Astro Boy" (鉄腕アトム) zwischen 1952 und 1968 und "Kimba, der weiße Löwe" ( ジャングル大帝) zwischen 1950 und 1954, aber auch andere seiner Werke, waren hierfür besonders wichtig und darüber hinaus sehr erfolgreich.
© Carlsen Verlag
Tezuka Osamus Serie "Astro Boy" war in ihrer Animeumsetzung die erste gezeichnete japanische Fernsehserie mit einer fortlaufenden Geschichte und einer Folgenlänge von etwa fünfundzwanzig Minuten. Der Anime war vom Studio "Mushi Productions" produziert worden, welches Tezuka Osamu zuvor - im Juni 1961 - gegründet hatte. Seine insgesamt 193 Folgen wurde zwischen 1963 und 1966 auf Fuji TV ausgestrahlt. Der Anime von "Astro Boy" wurde als erste japanische Zeichentrickfernsehserie außerhalb Japans gezeigt, nämlich ab dem Jahre 1964 in den Vereinigten Staaten. 
Die Animeadaption "Alakazam – König der Tiere" (西遊記, Saiyūki) seines Mangas "Boku no Son Gokū" (ぼくの孫悟空), ein Kinofilm aus dem Jahre 1960, war der dritte in den U.S.A. im Kino gezeigte Anime und wie seine Vorgänger ebenfalls nicht gut besucht, jedoch rückblickend betrachtet wegweisend. "Kimba, der weiße Löwe" war in seiner Animefassung, die erste japanische Zeichentrickfernsehserie, die in Farbe ausgestrahlt wurde und zwar erstmals am 06. Oktober 1965 bei Fuji TV.


Die Entdeckung und Entwicklung des Mediums Film ermöglichte es, dass Bilder, ob handgezeichnet oder gedruckt, sowie Fotografien gewissermaßen zum Leben erweckt werden konnten und es für sie fortan möglich war, sich zu bewegen. 
Besonders wesentlich für dieses neue Medium war Eadweard Muybridges (1830-1904). Dessen aus dem Jahr 1872 stammender Film des Rennpferdes "Annie G. mit Jockey" sechzehn Bilder umfasst, die aneinandergereiht und in einer kontinuierlichen Abfolge gezeigt wurden, wodurch erstmals eine Serienfotografie und damit eine Art früher Film entstand. 

Muybridge, der viele Aufnahmen dieser Art produzierte, zählt mit Thomas Edison (1847-1931) und seinem aus dem Jahre 1891 erbauten Aufzeichnungsgerät "Kinetograph", Louis Le Prince (1842-1890), der 1888 als erster eine Kamera mit nur einem Objektiv entwickelte, und den Brüdern Skladanowsky, die 1895 in Berlin erstmals bewegte Bilder vor zahlenden Gästen vorführten, zu den Wegbereitern des Films. 
Muybridge widmet sich ein dreizehnminütiger Anime mit dem Titel "Muybridge's Strings" aus dem Jahre 2011, der von dessen Aufnahmepraxis und von dessen Leben erzählt.
Die Brüder Lumière und Georges Méliès (1861-1938) waren es im Folgenden, die die bewegten Bilder solcherart nutzten, dass sie zu einen neuen Medium, dem Medium Film, werden konnten.


In den Vereinigten Staaten von Amerika trug unter anderem der Comiczeichner und später auch Filmemacher Winsor McCay (1871-1934) dazu bei, dass gezeichnete Filme möglich wurden, wie etwa an seinem ersten Film aus dem Jahre 1911 "Little Nemo a.k.a Winsor McCay, the Famous Cartoonist of the N.Y. Herald and His Moving Comics" ersichtlich wird.
Diese ersten amerikanischen Zeichentrickfilme fanden rasch auch in Japan ihre Nachahmer, sodass Filme geschaffen worden, die sich mitunter an der Art und Weise der Her- und Darstellung der amerikanischen Zeichentrickfilme orientierten. Ein Beispiel hierfür wäre der Anime "Dekobōs Reise mit dem Auto" (凸坊の自動車旅行). 
 
Oder auch der ungefähr elfminütige Anime "Ugokie ko ri no tatehiki" aus dem Jahre 1933 von Oishi Ikuo ( 大石 郁雄, 1901-1944).
Doch fanden viele dieser japanischen Zeichentrickfilme eine eigene Sprache, zum Teil dadurch, dass sie auf mythologische Vorstellungen und damit einhergehend gleichfalls auf traditionelle Motive der Holzschnitte zurückgriffen. Was beispielsweise der Anime Urashima Tarō (浦島 太郎) aus dem Jahre 1918 tat, der das japanische Märchen um einen Fischer, der eine Schildkröte rettet und zum Dank hierfür drei Tage an einem Fest im Palast des Drachengottes Ryūjin (Ryōjin, 龍神) am Meeresgrund teilnehmen darf, erzählt. Urashima Tarō wird nach diesen drei Tagen mit einem Geschenk, welches er nicht öffnen soll, wieder zur Erdoberfläche entlassen und muss feststellen, dass inzwischen dreihundert Jahre vergangen sind.
Der Anime "Des alten Mannes entfernte Warze" (瘤取り爺さん, Kobu-tori Jiisan) aus dem Jahre 1929 von Murata Yasuji ((村田安司, 1896-1966) greift beispielsweise auf die Figur des Tengus zurück, ein mythisches Wesen mit menschlichem Körper und einem Krähenkopf. In "Kobu-tori Jiisan" wird von einem alten Mann erzählt, der im Gesicht eine große Warze hat, eines Tages trifft er im Wald auf eine Ansammlung niederer Gottheiten, die er bei einer Zeremonie mit ihrem König Sōjōbō vorfindet. Da diese niederen Götter, die in Bergen und Wäldern hausen, tanzen, beschließt der alte Mann mit ihnen zu tanzen. Sein Tanz gefällt den anwesenden Gottheiten, weshalb sie ihm seine Warze und das Versprechen abnehmen sie neuerlich zu treffen. Als der alte Mann dies seinem Nachbar berichtet, der ebenfalls eine Warze im Gesicht trägt, versucht der Nachbar ebenfalls mit den niederen Göttern zu tanzen, allerdings möchte sich dieser auf Kosten der anwesenden Gottheiten bereichern, was jene erzürnt.  
Das vermutlich älteste bis heute entdeckte japanische Zeichentrickwerk ist "Katsudō Shashin" (活動写真, bewegte Bilder) von dem weder das genaue Entstehungsdatum noch der Autor bekannt sind. Gefunden wurde dieser Anime in einem Filmprojektor mit anderen nicht japanischen Animationsfilmen von Matsumoto Natsuki in Kyoto im Jahre 2005. Die Entstehung dieses Zeichentrickfilms wird zwischen 1907 und 1911 festgemacht, ist aber nicht ganz unumstritten. "Katsudō Shashin" besteht aus fünfzig Einzelbildern, die per Hand mit roter und schwarzer Farbe auf einen Zelluloidfilmstreifen gezeichnet sind. Der dargestellte kleine Junge schreibt 活動写真 (bewegte Bilder) an eine Tafel und zieht seine Mütze.
Die Filmtechnik erreichte Japan in den Jahren 1896 und 1897. Nachgewiesen ist die erste Vorführung ausländischer Zeichentrickfilme im Jahre 1911 und 1912 durch den Franzosen Émile Cohl (1857-1938), der als der erste Zeichentrickfilmer Europas gilt. Sein erster Zeichentrickfilm "Fantasmagorie" aus dem Jahr 1908, war der erste Zeichentrickfilm ohne Filmaufnahmen von realen Personen und wirkliche Räume, wie etwa noch bei Winsor McCays ersten Filmen.
Erste Importe aus Deutschland erreichten Japan ab 1904, allerdings ist nicht überliefert, ob darunter auch Zeichentrickfilme waren. Womit sich die Frage stellte, ob "Katsudō Shashin" ohne die Einflussnahme anderer gezeichneter Filme entstand, vielleicht sogar noch bevor andernorts Zeichentrickfilme geschaffen wurden. Doch diese Frage lässt sich leider nicht beantworten und selbst wenn, spielt sie nicht unbedingt eine entscheidende Rolle, da angenommen wird, dass der Anime "Katsudō Shashin" keine große Aufmerksamkeit erlangt hat und damit nicht wegweisend für spätere Anime gewesen sein könne. Erste japanische nicht gezeichnete Filme sind hingegen zweifelsfrei älter als "Katsudō Shashin".


Der erste Anime, der in Japan nachweislich vor Publikum in einem Lichtspielhaus gezeigt wurde war "Imokawa Mukuzō Genkanban no Maki" von Shimokawa Ōten (下川凹天, 1892-1973), der im Januar 1917 erstmals vorgeführt wurde. Der erste Tonfilm war "Chikara to Onna no Yo no Naka" (力と女の世の中) von Masaoka Kenzō (政岡 憲三, 1898-1988), er wurde im April 1933 zum ersten Mal gezeigt. 
Die erste Fernsehanimeserie lief am 1. Mai 1961 an und war "Otogi Manga Calendar" (おとぎマンガカレンダー) von Yokoyama Ryuichi, bei ihr handelte es sich um einen in Schwarzweiß gezeichneten Anime. Der erste farbige Anime war, wie bereits benannt, die Umsetzung des Mangas "Kimba, der weiße Löwe" von Tezuka Osamu im Jahr 1965. Die Verfilmung des Mangas "Akira" von Ōtomo Katsuhiro (大友 克洋, 1954-) des Jahres 1988, war einer der Titel, die mit für die größere Verbreitung von Animes im "Westen" verantwortlich waren. 
Im Jahr 2000 erschien mit "A.LI.CE" der erste nur mit Computer produzierte Animefilm von Maejima Kenichi. Mit dem Film "Chihiros Reise ins Zauberland" (千と千尋の神隠し, Sen to Chihiro no kamikakushi,Spirited Away) des Studio Ghiblis von Miyazaki Hayao (宮崎 駿, 1941-) und den Preisen, die dieser Film erhielt, erlangten Animes weltweit eine größere Wertschätzung. Eine Wertschätzung außerhalb Japans, die auch durch die nachfolgenden Filme des Studio Ghiblis noch verstärkt wurde.  

Via Simulcast oder manchen schon etwa einen Monat nach Erstveröffentlichung in Englisch synchronisierten Animefolgen ist der japanische Zeichentrickmarkt in den letzten Jahren mehr und mehr globalisiert worden, so sind beispielsweise über Simulcast zu sehende Animefolgen schon Stunden nach der japanischen Fernseherstausstrahlung mit Untertiteln versehen und können weltweit konsumiert werden. Gerade durch diese noch verhältnismäßig junge Entwicklungen, zeigt sich die Bedeutung, welche Animes mittlerweile weltweit besitzen. Dennoch oder gerade deswegen, wurde zu den jüngeren Produktionsbedingungen innerhalb der Animebrache zuletzt vermehrt Kritik laut.  
Vor allem der Regisseur des Animeklassikers "Neon Genesis Evangelion" Anno Hideaki (庵野 秀明 1960-) äußerte sich überaus kritisch zu den gegenwärtigen Umständen unter denen Anime entstehen würden und mahnte, dass die Animebranche sich nicht weiterentwickeln würde, wenn sich nichts an den derzeitigen Verhältnissen ändere. Auch Miyazaki Hayao gab in einem Interiew zu verstehen, dass seines Erachtens die Ära von Bleistift, Papier und Film zu Ende gehe, es zwar noch Filmemacher geben könne, die es mit handgezeichneten Zeichentrickfilmen versuchen würden, aber die Schwierigkeit darin läge, dass sich die finaziellen Rahmenbedingungen verändert haben.
Aufgrund der erstarrten Strukturen in der Branche schuf Anno Hideaki mit seinem Animestudio und der Firma Dwango im letzten Jahr eine Animeserie, die den Namen "Japan Anima(tor)'s Exhibition" (日本アニメ(ーター)見本市) trägt und zeigen soll, was japanische Zeichentrickkunst neben den auf Massenverkäufe angelegten Prokutionen auch sein kann. Anno Hideaki äußerte seine Bedenken vor der Veröffentlichung der ersten Folge dieses Projektes, was zum einen eine Generierung von medialer Aufmerksamkeit für das Projekt "Japan Anima(tor)'s Exhibition" war, zum anderen allerdings durchaus seine Berechtigung hat, wie jedwede Kritik an festgefahrenen konventionellen Kulturpraktiken, die mehr auf den finanziellen Erfolg abzielen, als darauf qualitative und ästhetisch mannigfaltige Kulturerzeugnisse entstehen zu lassen. 
Diesem Konzept folgend, sollte das Projekt "Japan Anima(tor)'s Exhibition" den daran Beteiligten die Möglichkeit eröffnen, fern von Verkaufszahlen und üblichen Marketingüberlegungen, ihre eigenen in sich geschlossenen oder auch nicht geschlossenen Kurzgeschichten zu verwirklichen und hierbei mehr auf künstlerische Aspekte wertzulegen, als es sonst üblich ist. Die dreißig Folgen dieser Serie werden kostenlos über eine eigens dafür konzipierte Homepage in voller Länge anschaubar sein und zwar nicht nur in Japanisch, sondern ebenfalls mit englischen Untertiteln. Woche für Woche wird auf dieser Homepage seit dem 07. November 2014 eine weitere Folge online gestellt, die Folgen können jederzeit dort angesehen werden, werden aber auch im japanischen Fernsehen ausgestrahlt. 
 

Am 20. Januar 2015 um etwa 20 Uhr fand in Marburg im "Gloria Kunstcafé" in Zusammenarbeit mit "Comics, Kitsch und Kunst" und "Universum Anime" eine kostenlose Veranstaltung statt, die den Inhalt dieses Blogeintrages aufgriff und dabei ebenfalls jüngere Animeserien und derzeitige Entwicklungen innerhalb der Animebranche stärker in den Fokus rückte.  
Diese Veranstaltung hatte unter anderem den Sinn den Zuschauern einen groben Einblick in die ältere und jüngere Geschichte japanischer Zeichentrickfilme zu ermöglichen. 
Als ältere Filmbeispiele dienten die in diesen Blog bereits eingebundenen Filme, die allesamt im ersten Drittels des 20. Jahrhunderts in Japan entstanden. Über die anschließenden Entwicklungen bis in die 2000er-Jahre wurde versucht zu zeigen, an was für kulturellen und technischen Veränderungen die Branche und der Markt beteiligt waren. 
Als Beispiele für Animeserien jüngeren Datums, die im Fernsehn und nicht mehr im Kino ausgestrahlt wurden, wurden vier Titel der Firma "Universum Anime" gezeigt. 
Vorgeführt wurde jeweils die erste Folge der japanischen Zeichentrickfernsehserien und deren Entstehungsbedingungen geschildert: 

"Tokyo Magnitude 8.0" aus dem Jahre 2009. 
© Universum Film
"Angel Beats!", erstmals ausgestrahlt 2010. 
© Universum Film
"Eden of the East - Die Serie" aus dem Jahr 2009. 
© Universum Film
"Appleseed XIII", 2011 zum ersten Mal veröffentlicht.
© Universum Film
Dieser Beitrag wurde in seiner Zeitform am 21.01.2015 um 14:34 angepasst.
 

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Die in diesem Beitrag verwendeten Zeichnungen sind gemeinfrei und entstammen entweder http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG, dem Manga "Give My Regards to Black Jack" (ブラックジャックによろしく) von Satō Shūhō (佐藤 秀) und können über dessen Website Manga on Web (漫画onWeb) http://mangaonweb.com/ eingesehen werden oder der Seite http://publicdomainreview.org/collections/sketches-by-yoshitoshi-1882/. Bei den Videos handelt es sich ebenfalls um gemeinfrei Werke, die Youtubekanälen entstammen. 

Bei den weiteren Abbildungen wurde das Copyright kenntlich gemacht.

Donnerstag, 8. Januar 2015

sonstiges: Je suis Charlie

sonstiges:
Je suis Charlie 
Die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", die im Jahr 1970 erstmals erschien und dafür bekannt ist, dass sie zum einen eine verquere Meinung vertritt und sich zum anderen stets für die Presse- und Meinungsfreiheit einsetzt, wurde am gestrigen Tage Opfer eines Terroranschlages. Nach einer elfjährigen Pause von 1981 bis 1992, wurde die Zeitschrift "Charlie Hebdo" bis heute ohne weitere Unterbrechung veröffentlicht. Bereits 2011 gab es einen Brandanschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift, nachdem zuvor ein Sonderheft über die Scharīʿa publiziert worden war. Bei diesem Anschlag am 2. November 2011 wurde lediglich das Gebäude in Mitleidenschaft gezogen, jedoch glücklicherweise niemand verletzt. Parallel zu diesem Brandanschlag war die Homepage der Zeitschrift gehackt und für mehrere Stunden verändert worden. 
Im Jahr 2012 wurden wiederum Mohammedkarikaturen veröffentlicht, wie auch am 2. Januar 2013 eine gezeichnete Biografie mit dem Namen "La Vie De Mahomet" (Das Leben von Mohammed). 
Beim Anschlag gestern, über den bisher noch nichts genaues gesagt werden kann, wurden 12 Menschen ermordet, zwei Polizisten und zehn Mitarbeiter von "Charlie Hebdo", darunter die beiden Zeichner Georges Wolinski (1934-2015) und Charb (Stéphane Charbonnier, 1967-2015), deren Namen in Frankreich jeder kannte. Ein Nachruf von der FAZ erschien, ist hier zu finden. Aber auch andere Zeichner und Redakteure mussten ihr Leben bei dieser Untat lassen, unter ihnen Cabu (Jean Cabut, 1938-2015), Honoré (Philippe Honoré, 1941-2015), Tignous (Bernard Verlhac, 1957-2015), Onkel Bernard (Bernard Maris, 1946-2015). 
Matthias Gerung Satire auf den Ablasshandel [2] (etwa 1536).

Thomas Wright "John Bull Taking A Luncheon."(1868).
Um es mit Kurt Tucholskys (1890 - 1935) Text "Was darf die Satire", den er unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Berliner Tageblatt Nr. 36 (27.01.1919) veröffentlichte, zu sagen: "Was darf die Satire? Alles."
Denn, "[d]ie Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten." 
Sie "beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist" und wird dies auch weiterhin tun, weiterhin tun müssen, denn erst Kritik offenbart, was nicht unbedingt optimal ist, was weiter hinterfragt, was mitunter geändert werden muss. 
Auch wenn allmählich die relativierenden Stimmen wieder lauter werden, die meinen, dass man doch nicht derart direkt provozieren müsse und man sich über manche Themen auch nicht lustig machen dürfe, muss die unmittelbare Antwort weiterhin lauten: "Doch! Genau dies." Erst an dem was karikiert, was satirisch verballhornt werden kann, ist die potentielle Freiheit des Einzelnen in einem System erkennbar. Die einzelne Darstellung muss nicht jedem Individuum gefallen, aber Satire und Karikatur dürfen deshalb keinesfalls als Ganzes in Frage gestellt werden, denn sie sind die Narrenfreiheit der modernen Gesellschaft, nicht mehr und nicht weniger.

Unter dem Ausruf "Je suis Charlie" drücken seit dem Anschlag am gestrigen Tage Menschen - und auch dieser Blog - ihre Unterstützung für die Satire, die Zeitschrift "Charlie Hebdo", ihre Trauer um die Getöteten und ihr Beileid und Mitgefühl für die Angehörigen und Freunde aus. 
 

Einige gezeichnete Antworten von Karikaturisten sind bei Tagesschau.de einsehbar. 

Die Antwort von "Charlie Hebdo" am 08. Januar 2015 auf ihrer Homepage, war die Ankündigung einer Ausgabe am Mittwoch, dem 14. Januar, unter dem Titel "LE JOURNAL DES SURVIVANTS" (Das Magazin der Überlebenden/Hinterbliebenen). Darüber hinaus ist auf der Internetseite des Satiremagazins eine gezeichnete Hand zu sehen, die empor gereckte ist und einen Bleistift in der gebalten Faust hält, und die Aussage zu lesen: "JE SUIS CHARLIE - PARCE QUE LE CRAYON SERA TOUJOURS AU DESSUS DE LA BARBARIE... - PARCE QUE LA LIBERTÉ EST UN DROIT UNIVERSEL...  PARCE QUE VOUS NOUS SOUTENEZ..." (Ich bin Charlie - weil der Bleistift sich immer über die Barbarei erheben wird - weil die Freiheit ein universelles Recht ist - weil ihr uns unterstützt). 


Der nächste reguläre Blogeintrag erscheint am 13. Januar.

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Die in disem Beitrag verwendeten gemeinfrei Bilder entstammen: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG oder flickr-Profil der "British Library". Die übrigen Bilder sind der Homepage von "Charlie Hebdo" entnommen. 

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Zwei Artikel der taz, die die Ambivalenz im Umgang mit diesem Attentat deutlich machen, sind hier noch verlinkt:  
Kommentar „Je suis Charlie Hebdo“ - Jede Menge falsche Freunde
und 
„Charlie“-Karikaturen in den USA - Bei Gott hört der Spaß auf 

 
Eine Ergänzung zu diesem Blogeintrag vom 12. Januar 2015 um 18:10. 
Bei der Recherche für einen anderen Beitrag, der vermutlich Ende März oder Anfang April erscheinen wird, sind wir auf drei christliche Karikaturen gestoßen, deren historischer Kontext bei ihrer Betrachtung zu berücksichtigen ist.


1. Thomas Rowlandsons "Der glückliche Pfarrer" entstanden etwa um 1800.

 



2. William Heaths "Beim Verlassen der Kirche" ungefähr im Jahre 1828 entstanden.




3. Félicien Rops' "Die heilige Theresa als Philosophinoder Religiöse Berufung" entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.