Dienstag, 9. Februar 2016

Eine Frage der Farbgebung? Oder aber: Wie bunt ist das Meer?

Dieser Blogeintrag wird sich am Beispiel der Graphic Novel "Ein Ozean der Liebe" der Verwendung von Farben und der mit diesen jeweils verbundenen Funktionen für das Narrativ widmen. 
© Splitter-Verlag

Die Geschichte dieses von Wilfrid Lupano (1971-) und Grégory Panaccione (1968-) geschaffenen Werks ist, obgleich sie ohne gesprochene Worte auskommt eindringlich und äußerst facettenreich. Adressiert werden unter anderem die Verschmutzung des Meeres, die Problematik moderner Fischerei, unterschiedliche politische Systeme, Luxus und Mangel, Schmuggel und die Willkür von Grenzschützern, sowie mediale Berichtserstattung und deren Eskapaden.
Sprache erscheint auf diesen gezeichneten Seiten lediglich innerhalb der Panels beispielsweise als die Beschriftung von Konsumgütern, Werbeplakaten oder etwa Örtlichkeiten. Demzufolge wird der Fokus der Lesenden verstärkt auf das Dargestellte gelenkt und somit die Farbgebung des jeweiligen Panels und die hieraus resultierende Bedeutung für das entsprechend Gezeigte betont. Anhand von vier Seiten sollen im Folgenden drei Aspekte benannt werden, wie Farbe ebenda eingesetzt wird.
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Hell-Dunkelkontrast: Das erste Panel dieser Graphic Novel (S.3) verweigert sich durch seine dunklen Farbtöne bewusst der schnellen Erfassung. Der Umriss einer Nachttischlampe und eine Hand sind zwar auszumachen, jedoch wird es bei den übrigen Gegenständen schon schwieriger, etwas Genaues über sie zu sagen. Mit dem nächsten Abbild und der Hand, die in diesem Panel den Lichtschalter findet, eröffnet sich den Lesenden das gesamte Stillleben des Nachttisches. Doch der abermalige Blick zurück auf das erste Panel dieses Werkes offenbart in der Verwendung der Farben (schwarz, braun, grau) die mangelnde Helligkeit des Raumes. Diese Komposition, die durch ihre verschieden Farbtöne auf eine schwache Lichtquelle von links verweist, kann jedoch an den ersten beiden Panel nicht genauer verortet werden. Diese angenommene Lichtquelle, wird in den darauffolgenden Panels zwar durch das Licht der Nachttischlampe überstrahlt, jedoch wirkt erstere Lichtquelle als sekundäre fort. Das sechste Panel liefert zwar vermittels des abgebildeten Fensters, mit seinem durch die Spiegelung des Rauminnern überlagerten Blick auf einen grauenden Himmel und das düstere Meer, eine vage Erklärung der gedachten Lichtverhältnisse, die seit dem ersten Panel gegeben gewesen waren, doch erst mit dem letzten Panel dieser Seite wird der Raum und seine Beschaffenheit in seiner Gänze begreifbar. 
Jene Hell-Dunkelkontraste, die die matten Farbtöne dieser ersten Seite für sich einnehmen, dienen hier zum einen als Darstellung des anbrechenden Morgens, zum anderen aber auch dazu, die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten des Fischers und seiner Frau zu kontrastieren. Er befindet sich allein im Bett im anfangs noch düsteren Schlafzimmer, während seine Frau, was die nächsten Seiten zeigen werden, in der Küche hantiert, um für ihn das Frühstück zu zubereiten, ehe er auf See fahren wird. 
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Wechselnde Farbsättigung: Bei der Betrachtung der 106. Seite ist zu konstatieren, dass die Protagonistin, die Frau des Fischers, mit ihrer schwarzweißen Kleidung, die sie auch jetzt noch trägt, mehr wie eine Arbeitskraft des Schiffes wirkt, als eine Passagierin. Der Mann im dritten Panel bekräftigt diese unbewusste Referenz für die Lesenden noch einmal. 
Es ist jedoch nicht nur die Farbe der Kleidung, die in den Panels dieser Seite den Effekt des gefühlten Unterschieds der Protagonistin zu den anderen Reisenden ausmacht, sondern auch ihr ernster, im Vergleich zu den übrigen abgebildeten Personen besorgter Gesichtsausdruck, wie auch der Umstand, dass sie die einzige Person auf Deck ist, die einen Koffer trägt. Letzterer Sachverhalt verstärkt zudem die Schiffspersonalassoziation. 
Das Unwohlsein und die Angst der Protagonistin, die sie angesichts der weiten Reise hat, spiegelt sich in den Panels wieder, während sie hinab in den Bauch des Schiffes steigt. Das erste Panel dieser Seite ist von fröhlichen Fahrgästen, der Nähe der Figuren und vielen verschiedenen Farbnuancen bestimmt. Während sich der Platz um die Protagonistin im zweiten Panel weitet, schwindet zugleich auch der Anteil an farbigen Objekten und weicht hellgrauen, hellbraunen und weißen Farbtönen. Im dritten Panel sind nur noch fern von ihr zwei Personen auszumachen und im vierten Panel, als sie in ihrer Kabine anlangt, ist sie schließlich gänzlich allein abgebildet. Ferner nehmen auf den letzten beiden Panels dieser Seite die dunklen Farben zu, was besonders gut an den Teppichbelägen des Bodens auszumachen ist. Ihre zunehmende Isolation und das Abnehmen von bunten zu eintönigen dunkleren Farben hin verdeutlicht die anfängliche Beklommenheit der Protagonistin nach dem Betreten des Schiffes, welche - wie gesagt - auch in ihrem Gesicht abzulesen ist. Neben dem Umgang mit Farben und dem mit den Abständen zwischen den abgebildeten Figuren, wird ebenfalls durch die sich verkleinernden räumlichen Umgrenzungen die Abgeschiedenheit wie auch die bedrückend wirkende Unumkehrbarkeit, denn das Schiff wird auslaufen, der sich die weibliche Hauptfigur stellen muss, im Bild manifest. 
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Das große Panel des einlaufenden Schiffs und das kleine Panel im Panel, welches die an der Reling stehenden Protagonistin abermals mit angespanntem Gesicht rahmt, verweist auf den großen Schritt, den diese kleine Figur nun vollbringen möchte. Während das Schiff klar zu erkennen ist, wird in diesem Panel mit Licht und dessen Reflektionen, die an dieser Stelle als weiße Flecken erscheinen, aber auch durch die farblich nicht genau unterscheidbaren Häuserfassaden und -dächer, die Herausforderung sowie die Unüberschaubarkeit bekräftigt, welche vor ihr liegen
Das vierte Panel fängt mit dem kleinen Fischerboot den eigentlichen Sinn ihrer Reise, die Suche nach ihrem Mann, erneut ein und führt sie den Rezipienten dieser Graphic Novel nach den ganzen Geschehnissen auf der Überfahrt noch einmal explizit vor Augen. Dass sich die Beziehung der weiblichen Hauptfigur dieser Geschichte zu den anderen Passagieren inzwischen geändert hat, wird ein Panel zuvor hervorgehoben. 
Nach dem das dritte und das vierte Panel wiederum von wenigen Farben beherrscht waren, quillt das fünfte Panel mit all seinen Farben gewissermaßen über. Die Protagonistin, welche neben diesen vielen verschiedenen Farben und durch ihre veränderte Position und Größe aus dem Fokus rückt, scheint sich für die Lesenden kurzfristig in der Fülle des Vorhandenen zu verlieren. Die plötzliche Zunahme von Farben bewirkt, nachdem sie auf dieser Seite vorher sukzessiv Panel für Panel reduziert wurde, einen erheblichen Kontrast und visualisiert derart Kuba als einen für die gerade Angekommene unbekannten und nach anderen Gesetzmäßigkeiten agierenden Ort. Gerade im Vergleich zur Funktion der benutzten Farben auf Seite 106 wird auf dieser Seite, Seite 166, eine andersgeartete Verwendung erkennbar. Während es im ersten Fall das Schwinden von Farben war, welches diese Figur von den übrigen Figuren und der Situation abgrenzte, wird hier durch die Zunahme von Farben diese Figur vereinzelt und ihre Hilflosigkeit betont. Der Umstand, dass sie auf jedem Panel auf der 166. Seite in eine andere Richtung geht und sieht, stärkt darüber hinaus das Gefühl des Verlorenseins. Das Blenden der Lesenden vermittels verschieden heller Farben wird in diesem Werk nicht nur an jener Stelle eingesetzt, sondern mehrfach wiederholt, um so auch die Wahrnehmung der Figuren direkt erlebbar zu machen
Erst auf dem nächsten Panel, als sie eine Seitenstraße betritt und an den bunten Häusern vorrübergeht, kann die Protagonistin wieder für sich wirken. In diesem sechsten Panel ist im Mittelgrund eine verlassenere und somit monotoner anmutende Straße auszumachen, während im Panel zuvor noch Farben und Fülle den Mittelgrund prägten. 
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Komplementärkontrast: Seite 213 zeigt den besonderen Umgang von Kontrastfarben in diesem Werk. Blau gehaltene Farbtöne repräsentieren auf dieser Seite das Äußere und mit den Journalisten auch das Unbehagen. Rot gehaltene Farbtöne repräsentieren ebenda das Innere und die Geborgenheit des Vertrauten. Speziell an der Tür ist dieser Aspekt unmittelbar ersichtlich. 
Der Kontrast zweier Farben diente in dieser Graphic Novel bereits an früheren Stellen in der Gestalt von Rückblenden zur Differenzierung von innerfiktionaler Gegenwart und Vergangenheit; dem Äußeren "Jetzt"- grün und blau gehalten - und dem Inneren "Damals" - in roten Farbtönen gehalten. 
Auch wenn hier zur Farbgebung bei weitem noch nicht alles angemerkt wurde, sollten doch in diesem Beitrag einige allgemeingültige Funktionen, die mit der Verwendung von Farben anheim gehen können, benannt worden sein. Dass sich dieses Werk als Beispiel für eine solche Betrachtung besonders eignet liegt - wie schon erwähnt - daran, dass die hier verwandte Art der Narration sich vornehmlich auf die Sprache der Bilder stützt, weshalb den nonverbalen Elementen ebenjene herausragende Rolle für die Vermittlung der Inhalte zu kommt. 

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