Samstag, 11. Februar 2017

Die größten Talente innerhalb der Animeindustrie - Masaaki Yuasa

Dieser Gastbeitrag wurde von Noa verfasst und geringfügig durch diesen Blog verändert. 
 - picti mundi  -

Um den genaueren Werdegang von Masaaki Yuasa zu schildern, genügt dieser Blogeintrag wohl mitnichten, er soll jedoch einen kurzen Überblick über dessen jüngere Werke geben. 
Verknapp lässt sich jedoch sagen, dass Yuasa Mitte/Ende der 1980er-Jahre im Bereich der Schlüsselbildanimation bei Studio Shin-Ei Animation begann und dort für eine 1979 gestartete Adaption von "Doraemon" Arbeiten verrichtete. Über die Jahre sammelte er an den unterschiedlichsten Plätzen Erfahrung und wurde mehrfach für seine Animation mit Preisen geehrt - wie zum Beispiel 2001 für "Nekojiru-sou" in der Kategorie bester Kurzfilm. Bei diesem Kurzfilm war er für Drehbuch, Storyboard und die Animationsregie verantwortlich. Erst 2004 durfte er sein erstes richtig großes Projekt leiteten: "Mind Game". Im selben Jahr war er auch an einer Schlüsselszene der neunte Folge der Serie "Samurai Champloo" als Animator beteiligt. Eine detaillierte Auflistung seiner Tätigkeiten zwischen 1990 und 2005 ist hier nachzulesen. 
Mit "Mind Game" lieferte Yuasa einen bizarren Anime, der durchsetzt ist von melancholischer Romantik, exzessiver Gewalt und skurrilem Witz. Inflationär bepackt mit surrealen Hirngespinsten und einem opulenten Füllhorn an innovativen Ideen wird der Zuschauer auf einen rauschhaften Trip entführt, der in seinem atemberaubenden Tempo wie ein durch Opium ausgelöster Phantasieflug wirkt und im extravaganten Spiel mit den fiktiven Gedanken die Extreme des grafisch Machbaren auslotet. Als grobe Vorlage dienten dazu der Manga des japanischen Grafikers Robin Nishi. Durch die kaleidoskopartige Erzählweise und den mitreißende Bilderfluss, der in collagenartig montierten, surrealen Grafiken geschildert wird, erlebt der Betrachter ein unglaublich wuchtiges visuelles Erlebnis mit dynamisch und weniger statisch - als traditionell üblich - animierten Bewegungen. Ein Beitrag dieses Blogs, der sich mit dem animierten Filmbild allgemein und speziell mit "Mind Game" beschäftigt, ist hier verlinkt. 
Nur zwei Jahre später liefert Yuasa das erste Mal unter Studio Madhouse mit der Serie "Kemonozume" ein wahres Animationsfest ab. In diesen Originalwerk zeigte sich erstmals in aller Deutlichkeit, was Yuasa als Regisseur für eine TV-Produktion auszeichnet: Eine Produktion der besten Animatoren in Japan, gerichtet an Animationsliebhaber und jene, die der Monotonie, der Stagnation und dem Recycling in diesem Medium, der zum Standard vieler Animeserien geworden ist, überdrüssig sind. Glamouröse Zeichnungen sucht man hier vergebens, dafür aber bekommt man Bewegung, Ideenvielfalt, Frische und eine unglaublich abgedrehte und imposante Regie anstatt der üblichen zwar detaillierten, aber auch unbeweglichen und einfachen Animation, wie es in den meisten Serien der Normalfall ist. 
Beflügelt vom Erfolg setzte er ebenso zwei Jahre später - erneut bei Studio Madhouse - ein weiteres Originalwerk um: "Kaiba". Hier weiterhin brillant animiert mit frischen Ideen und wieder einmal ein sehr ungewöhnliches Design. Mit "Kaiba" gelang es Masaaki Yuasa seine erzählerischen Stärken auszubauen und dem Publikum eine Geschichte anzubieten, die nicht nur sehr dramatisch, traurig und bewegend ist, sondern auch zum Nachdenken anregt. Hinzu meisterte er es durch seine cartoonhaften Zeichnungen eine Welt zu kreieren, die durch ihren Aufbau, Physik, Gesetze, Bewohner und ihre Gesellschaft so dystopisch sie auch sein mag, doch greifbar und lebensnah wirkt. Zur selben Zeit bot ihn Studio 4°C mit "Genius Party" einen außerordentlichen Spielplatz, an dem er sich mit seinem Kurzfilm "Happy Machine" ganz nach Belieben austoben durfte. 
Weitere zwei Jahre ziehen ins Land, immer noch Studio Madhouse und diesmal eine Adaption eines Romans: "Yojouhan Shinwa Taikei" oder eben auch "The Tatami Galaxy". Mit diesem Werk hat Yuasa wohl die komplette Fernsehwelt auf den Kopf gestellt und die Möglichkeiten der Animationen bis zu ihrer Grenzen ausgelotet. Gilt dieser Anime als einer der größten Geniestreiche innerhalb der Branche, was nicht weniger der kongenialen Vorlage zu verdanken ist, erwartet einen hier ein doch eher ansehnlicher Stil und durch die aufgebaute episodische Natur, wird eine Menge Möglichkeiten zum Experimentieren geboten. Gepaart wird der visuelle Spaß mit geringen Live-Action-Sequenzen und einer verschachtelten Erzählung, die sich durch das gesamte Werk selbst in den inneren Aufbau der architektonischen Räumen inmitten der 4 1/2 Tatamimatten erstreckt. Letzeres ist im Blogeintrag "Gezeichnete Räume und ihre mögliche Bedeutung für den jeweiligen Animenachzulesen, darüber hinaus befassen sich noch zwei weitere Beitrag, nämlich "Ozu - die Verkörperung des "bösen Prinzips"?" und "Die Bedeutung von Higuchis Lied", mit der narrativen Verschränkung innerhalb dieses Animes 
In den folgenden Jahren, bevor er mit "Ping Pong" seine bisher technisch beste Arbeit abliefert, war er für das psychedelisch anmutende Opening für "Welcome to the Space Show", mit der Regie für den ersten über Kickstarter crowdgefundeten Anime "Kick-Heart" und als Regisseur und Drehbuchautor mit einer Folge "Space Dandy" beschäftigt. Ebenso steuerte er für die 163. Episode der US-Zeichentrickserie "Adventure Time" das Drehbuch bei und führte dort ebenso Regie. Seine Arbeit an der US-Serie wurde für den Annie Award nominiert - in jenem Jahr gewann jedoch dann "Frozen". 
All das technische Können, das ihm während seiner Karriere lobend zugestanden wurde, verblasst allerdings im Vergleich mit "Ping Pong - The Animation". Bei diesem Anime hat sich Yuasa wohl selbst übertroffen und wohl die beste Adaption eines Manga erschaffen, die man sich vorstellen hätte können. Die Animation gehört zu einer der besten in der Anime-TV-Landschaft und besonders durch die verschiedene Ball- und Kamerafahrten werden hier zugleich vielschichtige Variationen und kreative Perspektiven geschaffen. Zugleich wird der dynamische Fluss des Spiels durch das Panelig unterstützt und gibt nicht nur die Gefühlsebene des Mangas wieder, sondern bietet auch eine Sicht über die im Turnier zuschauenden Spieler während eines Spiels. In puncto Inszenierung wird man hier in den Anime hineingezogen und bleibt gegen Ende fassungslos zurück angesichts dessen, dass es möglich war, dass "Ping Pong" derart spannend erzählt und vor allem animiert werden konnte.   
Nachdem seine bisher wohl erfolgreichste Serie "Ping Pong - The Animation" mit dem Animation of the Year-Award ausgezeichnet wurde, lies er auf der Preisverleihung ankündigen, dass er jüngst mit seiner langjährigen Assistentin Eun-Yeong Choi das Studio Science Saru gegründet hat, in dem auch ein ebenso langjähriger Kollege, Nobutake Itou, mit beteiligt sein wird. Die drei gelten als einige der ambitioniertesten Animatoren innerhalb der gesamten Branche. Für das Jahr 2017 sind ein paar Projekte unter ihrer Regie im Namen des Studio Science Saru angekündigt. Man darf auf die zwei bereits angekündigten Filme gespannt sein. Es scheint hier ein neues hochkarätiges Studio für glorreiche Ani(me)mationen zu geben.